Casting-Geschichten

„So, jetzt bitte alle winken ... winken ... immer weiter winken ...", brüllt Sebastian von unten. „Und alle ganz traurig", setzt er fort als Veit ihn plötzlich unterbricht und Sebastian korrigiert: „Doch nicht traurig. Bitte alle ganz fröhlich. Alle freuen sich schon wieder auf Morgen." Es ist die letzte Szene unseres Films. Eine Abschiedsszene. Holger, unser Zivi, verlässt ein Seniorenheim, und 15 ältere Damen in Morgenmantel und Nachthemde stehen an offenen Fenstern, winken ununterbrochen und werfen Kusshände. „Das war prima. Noch einmal bitte", ruft Sebastian nach oben und unsere Komparsinnen winken tapfer weiter. Die Begeisterung, in unserem Film mitzuspielen ist spürbar, und für viele ist es ein großer Tag. So erzählt uns die 94-jährige Frau Fischer, die auf Initiative ihrer Tochter kam, dass sie so gerne Schauspielerin geworden wäre. Auch Frau Weihrauch ist hier, weil ihre Tochter unseren Aufruf in der Zeitung gelesen hat. Das ausgeschnittene Spitzennachthemd trägt sie sonst nie. Sei nicht ihr Stil, bestätigt ihre Tochter. Hinter jeder Dame steht eine Geschichte, und jede hat andere Erwartungen. Schon das Casting stellte uns vor die Herausforderung, auf alle unterschiedlichen Charaktere einzugehen und vor allem eins zu tun: motivieren. Anfangs dachte ich, man beschreibt einfach jeder Castingteilnehmerin die Szene und der Rest passiert dann von selbst... „Wir suchen einige Damen, die aus dem Fenster winken und drei Damen, die jeweils in einer offenen Tür stehen und den Zivi lasziv im Türrahmen stehend hereinbitten", erkläre ich einer Dame den Ablauf. „Sie stehen also ganz ruhig da und winken. Und danach drehen wir die Szene mit dem Türrahmen. Text gibt es keinen." Der Flur des Filmhauses, in dem wir das Casting abhalten, hat sich in eine Art Wartezimmer verwandelt, und 17 ältere Frauen sitzen da, die wir nach und nach vor die Kamera holen. Alle Teilnehmerinnen sind sehr brav, viel zu brav für unsere Zwecke, bis auf eine, die spontan die obersten Knöpfe ihrer Bluse öffnet, als ich sage, sie soll sich so fühlen als sei sie wieder 20, aber viel zu jung ist, um eine überzeugende Oma zu sein. Grenzenlos ist der Bewegungsdrang einiger Damen, die meine Anweisung im Türrahmen gelehnt zu stehen, vor Aufregung überhören und ständig vor- und zurücklaufen. Fast alle erfinden hochamüsante Texte, und das Thema Essen wird ganz neu interpretiert. Eine der Castingteilnehmerinnen möchte den Zivi gerne mit einem selbstgeschmierten Wurstbrot verführen. Eine andere hat, wie sie sagt, extra einen Kuchen für ihn gebacken, obwohl er es eigentlich ist, der das Essen auf Rädern bringt. Frau Hildebrandt hat sogar ein Lied für Holger komponiert und außer ihrem Mann auch ihre Gitarre mitgebracht, auf der sie vor laufender Kamera vorträgt: „Wenn ein junger Mann kommt und an mir vorbeikommt, lache ich ihn an, lache ich ihn an. Und ich wünscht im Stillen, dass er vielleicht zurückkommt. Doch was mach ich dann? Doch was mach ich dann? Wünscht ich doch schon solange, dass mal einer käme, der mich zärtlich in seine Arme nähme,... Wenn ein junger Mann kommt, dann weiß ich worauf’s ankommt. Doch wie fang ich’s an? Doch wie fang ich’s dann wohl an?" Zwischendurch ruft Frau Franz an und will absagen: „Mich hat der Mut verlassen", sagt sie am Telefon. Nachdem sie sich nicht davon überzeugen lässt, dass wir fest mir ihr rechnen und eine tolle Stimmung herrscht, erzähle ich ihr, was sonst niemand erfährt. Nämlich, dass ich mindestens genau so aufgeregt sei wie sie, da ich auch noch nie ein Casting organisiert habe. 20 Minuten später kommt sie doch, zusammen mit ihrem Pudel, den wir gleich mit filmen. Frau Wzolek, die noch während des Castings guter Dinge ist, ihre Rolle perfekt spielt und von der Schauspieltradition in ihrer Familie erzählt, erweist sich später als große Skeptikerin. Versehentlich erläutere ich ihr nach dem Casting am Telefon, dass wir sie als unsere Domina ausgewählt haben. Da ich merke, dass sie eigentlich die Dame im roten Morgenmantel darstellen soll, rufe ich sofort wieder an und kann sie zunächst beruhigen. Als ich am nächsten Tag noch mal anrufe, um ihr den Weg zu beschreiben, ist sie nach Rücksprache mit ihrer Familie bereits fest davon überzeugt, dass wir einen Porno drehen. Ihr Schwiegersohn sei bei der Kripo und auch schon informiert. Dass wir immerhin eine Drehgenehmigung in der Seniorenresidenz Mainpark haben, kann sie wie alle anderen Argumente nicht besänftigen. Schließlich kommt sie doch zusammen mit ihrem Mann und konstatiert am Ende des Tages: „Ich merke schon, alle anderen Frauen sind ganz wild darauf, mitzumachen, nur mir haben es zu Hause alle verboten." Frau Werner, die Mutigste von allen, sie spielt unsere Domina, erzählt uns in der Pause von einem Pferd, mit dem sie sich angefreundet hat und das sie füttert und besucht, wann immer sie Zeit hat. Vielleicht erzählt sie ihm bei ihrem nächsten Besuch von einem aufregenden Tag beim Film und von vielen winkenden Damen.

Gerrit Schade

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